«Vor ein Bild hat jeder sich hinzustellen wie vor einen Fürsten, abwartend, ob und was es zu ihm sprechen werde.» Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer formulierte 1844, wie sich das Publikum in den neuen Tempeln des Bürgertums, den Museen, zu verhalten habe. Er forderte Ehrfurcht und Kontemplation, um dem Kunstwerk seine Geheimnisse zu entlocken.

Schopenhauer würde sich wahrscheinlich den Backenbart raufen bei einem Museumsbesuch im Jahr 2017. Er sähe nicht nur Menschen, die sich von Audioguides die Bilder erklären lassen. Er müsste auch miterleben, wie Besucher den Bildern den Rücken zudrehen, um ein Selfie mit, sagen wir mal, Andy Warhols «Marilyn» zu schiessen.

Fotografieren war bis vor einigen Jahren ein Tabu in den meisten Museen. Die Werke sollten vor Blitzlicht geschützt werden, die Besucher sich mehr der Selbstfindung als der Selbstdarstellung widmen. Die Lancierung des ersten I-Phones vor zehn Jahren hat diese hehren Ansprüche pulverisiert.

Das Handy mit Kamera ist zu unserem ständigen Begleiter geworden. Da ist es schwierig, den Leuten den Gebrauch zu verbieten, zumal die Museen ihr Angebot möglichst niederschwellig an die Leute bringen möchten.

Paradoxien in Basel

«Die Frage an unser Aufsichtspersonal, wieso Fotografieren bei uns verboten ist, häuften sich, und eine klare Antwort gab es nicht», sagt Karen N. Gerig, Verantwortliche für die Kommunikation im Kunstmuseum Basel. Pünktlich zur diesjährigen Art Basel hob das Museum das Fotografieverbot auf und siehe da: In den sozialen Medien wie Instagram oder Facebook zirkulierten von der Basler Institution nicht mehr nur Bilder des Gebäudes oder des Innenhofes, sondern auch aus den Ausstellungen.

«Das Posten auf diesen Plattformen ist sicher ein Werbeeffekt», sagt Gerig. Zudem sei es in Zeiten des Smartphones schlicht und einfach fast unmöglich geworden, die Besucher zu kontrollieren. «Das Aufsichtspersonal erkennt ja nicht sofort, ob jemand nun eine SMS schreibt, nur liest oder doch fotografiert», erklärt die Kommunikationsspezialistin.

Zudem habe das Fotografieverbot zur paradoxen Situation geführt, dass zwar zahlreiche Bilder der Sammlung online verfügbar sind, aber im Museum selbst nicht fotografiert werden dürfen.
Und wie sieht das mit den Urheberrechten aus, wenn das Publikum seine Fotos im Internet in Umlauf bringt? «Wir weisen in unserer Hausordnung ausdrücklich darauf hin, dass Fotografieren nur für private Zwecke erlaubt ist.»

Fotografiert werden dürfen nur die Werke der museumseigenen Sammlung und Leihgaben, bei denen der Besitzer die Erlaubnis erteilt hat. Manche Besitzer verbieten jedoch das Fotografieren, wie beispielsweise der Prado in Madrid. Was zur nicht unkomplizierten Situation führt, dass in der laufenden Ausstellung Bilder mit Fotografieverbot neben solchen ohne hängen.

Die Blogger bei Beyeler

Beim Besuch der Fondation Beyeler in Riehen werden die Besucher vor dem Eingang auf das geltende Fotografieverbot hingewiesen. Silke Kellner-Mergenthaler, Head of Communications, relativiert jedoch: «Das Fotografieren der sammlungseigenen Kunstwerke ist gestattet. Bei den temporären Ausstellungen ist die Fotoerlaubnis abhängig vom Leihvertrag des Werkes. Das Fotografieren mit einer Kompaktkamera ist erlaubt, Stative und Objektive jedoch sind zum Schutz der Kunstwerke nur den Medien vorbehalten.»

Ist das nicht ein wenig kompliziert für das Publikum? «Nein, denn mit einem Piktogramm neben dem Kunstwerk werden die Zuschauer gut sichtbar darauf hingewiesen, dass es verboten ist, die Arbeit zu fotografieren», erklärt Kellner-Mergenthaler. Auf den Werbeeffekt, den soziale Plattformen generieren, zielt die Fondation Beyeler mit anderen Massnahmen. Sie lädt seit Kurzem kunstaffine Blogger und Instagrammer in die Ausstellungen. Während der Art Basel hatte eine Handvoll Blogger exklusiven Zugang zu Wolfgang Tillmanns laufender Ausstellung.

«Zudem haben wir eine Reise in die Normandie organisiert: Ausgewählte Schweizer Instagrammer sind an die Orte gefahren, die Monet gemalt hat», erklärt Kellner-Mergenthaler. Dass der Gebrauch von Handys in den Ausstellungen das Verhältnis der Besucher zur Kunst verändert, sieht sie nicht: «Dass sich Menschen vor Sehenswürdigkeiten fotografieren hat es schon immer gegeben. Das Motiv der Selbstdarstellung ist so alt wie die Menschheit. Ich glaube, dass nach wie vor kontemplative Erfahrungen in Museen möglich sind.»

Anderer Meinung ist man da beispielsweise im Van Gogh Museum in Amsterdam. Dieses verbietet das Fotografieren ausdrücklich, weil man der Auffassung ist, dass die Leute Kunst in Ruhe betrachten sollen, ohne Selfies zu schiessen.

Das Handy als Verhinderer

Der Baselbieter Künstler Jörg Lenzlinger besitzt kein Handy. Obwohl er und seine Partnerin Gerda Steiner ihre Kunst minutiös fotografisch dokumentieren. Sie tun dies auch, weil ihre raumgreifenden Installationen jeweils nur temporär existieren, wie beispielsweise ihr «Totentanz», den sie im November bei der Predigerkirche in Basel gezeigt und pünktlich zur Art Basel in Buchform herausgebracht haben.

Das Künstlerpaar verbietet das Fotografieren seiner Arbeiten nicht. Lenzlinger sieht den Werbeeffekt durchaus und findet es interessant, wenn jemand mittels Fotografie eine eigene Perspektive auf ihre Arbeiten entwickelt. «Das wäre der Idealfall», sagt er. «Oft ist das schnelle Bilderschiessen jedoch pure Ablenkung. Manchmal hab ich den Eindruck, die Leute nehmen sich selbst nur noch wahr, wenn sie sich auf einem Foto sehen.

Es geht vor allem darum, zu sagen: ‹Ich war da›. Dabei ist der Blick auf das Handy doch immer einschränkend. Es nimmt uns die Gabe, an dem Ort präsent zu sein, wo wir gerade sind.»

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«Oft geht es um reine Angstmache»

Dürfen wir eigentlich urheberrechtlich geschützte Bilder fotografieren und ins Netz stellen? Und wer soll uns dabei kontrollieren? Wir haben beim Anwalt und Lehrbeauftragten für Kunstrecht in Basel und Zürich Florian Schmidt-Gabain nachgefragt.

Florian Schmidt-Gabain ist Rechtsanwalt in Zürich und Lehrbeauftragter für Kunstrecht an den Universitäten Basel und Zürich. Er hat unter anderem zum Thema «Social Media und Inhalte» geforscht und publiziert.

Herr Schmidt-Gabain, dürfen Museumsbesucher ihre Selfies und Fotos, auf denen urheberrechtlich geschützte Kunstwerke zu sehen sind, auf Social-Media-Portalen publizieren?

Florian Schmidt-Gabain: Beim Posten solcher Bilder auf sozialen Medien stellt sich immer die Frage, ob es noch innerhalb des privaten Gebrauchs unter Freunden stattfindet, oder ob die Veröffentlichung kommerziellen Zwecken dient. Sobald ein Account professionell betrieben wird, ist der private Rahmen gesprengt und ein Post ohne Zustimmung des Rechteinhabers am Kunstwerk unzulässig. Bei «normalen» Social Media-Profilen mit einigen hundert Followern, wie sie heute fast jeder hat, ist meiner Meinung nach aber ein Hochladen von Museumsfotos auch ohne diese Zustimmung rechtens.

Wer soll denn das bei den Millionen von Bildern, die täglich hochgeladen werden, kontrollieren?

Eigentlich ist dies Aufgabe der Rechteinhaber. Sie setzen dafür vermehrt auch neue Technologien ein. Die Fotoagentur Getty Images beispielsweise scannt das Internet ununterbrochen mit einem Programm nach Fotos aus ihrem Katalog ab. Wird eine vermeintliche Urheberrechtsverletzung festgestellt, wird über eine Anwaltskanzlei ein quasi automatisiertes Abmahnschreiben an den angeblichen Verletzer versendet. Man sollte sich jedoch davor hüten, den teilweise horrenden Forderungen ohne weiteres nachzukommen. Oft sind solche automatischen Abmahnungen reine Angstmache.

In Basel läuft derzeit eine Ausstellung mit Bildern aus dem Prado in Madrid. Diese Bilder dürfen nicht fotografiert werden, obwohl der Urheberrechtsschutz daran seit langem abgelaufen ist. Wieso dürfen wir die Gemälde nicht fotografieren?

Da das Kunstmuseum Basel eigentlich kein Fotografieverbot mehr kennt, erachte ich es als wahrscheinlich, dass die Werke auf Wunsch des Prado nicht abgelichtet werden dürfen. Darüber, weshalb der Prado dies wünscht, kann ich nur Mutmassungen anstellen. Zum einen könnte das Fotografieren aus konservatorischen Gründen untersagt sein, weil der Prado befürchtet, die Werke könnten durch Fotografieren mit Blitzlicht Schaden nehmen.

Zum anderen könnten hinter dem Verbot aber auch kommerzielle Gründe liegen. Der Prado vertreibt nämlich über seine Website Fotos der Werke gegen Entgelt. Mit dem Fotografieverbot möchte der Prado vielleicht verhindern, dass im Internet «Konkurrenzfotografien» auftauchen, die gratis erhältlich sind.

Wenn ich an der Ausarbeitung eines Leihvertrages beteiligt bin, versuche ich, sowohl den Leihnehmer als auch den Leihgeber davon zu überzeugen, auf Fotografieverbote zu verzichten.