Es ist heiss und stickig im Treppenhaus. Ernst Stalder geht zielstrebig um die Ecke, öffnet eine Türe – und bleibt stehen. «Jetzt ist es also auch mir passiert», sagt er und macht rechtsumkehrt. «Mittlerweile sollte ich wissen, dass nur eines der beiden Treppenhäuser ins zweite Untergeschoss führt.» Leicht hektisch schaut Stalder sich um, geht wieder in den Hauptraum, wo Handwerker arbeiten und Zügelmänner Kisten schleppen. «Und wo ist jetzt plötzlich der Ehrsam hin?» Da biegt Dominik Ehrsam um die Ecke. Der Sprecher des Campus Muttenz der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) lacht und sagt: «Hier bin ich – ich stand bereits im Treppenhaus, im richtigen, und wartete dort auf euch.»

Es kann also wirklich jedem passieren: Sogar Ernst Stalder, immerhin der Hauptverantwortliche für den Umzug von fünf Hochschulen in den Neubau der FHNW in Muttenz, verläuft sich. So gross ist der würfelförmige Koloss aus Sichtbeton, Glas, Stahl und Eichenholz. Ein 300 Millionen Franken teures Labyrinth an der Hofackerstrasse 30 nahe des Bahnhofs. 13 Obergeschosse, ein Erdgeschoss mit Galerie und zwei Untergeschosse auf einer Fläche von 63 000 Quadratmetern. Am 17. September werden 3700 Studierende das spektakuläre Gebäude zum Semesterstart fluten. Die «Schweiz am Wochenende» durfte sich exklusiv schon jetzt verirren.

So sieht der neue FHNW-Campus in Muttenz aus

Schon 270 Angestellte sind hier

Zurzeit befindet sich das Projekt in einer seltsamen Zwischenphase: Die Hauptbauarbeiten sind abgeschlossen, und doch wird noch überall gehämmert, gebohrt und gewerkelt. Rund 150 Handwerker sind täglich vor Ort – im Juni waren es noch 680. Und mittendrin arbeiten bereits 270 FHNW-Angestellte, von der Sekretärin über das Restaurantpersonal bis zu Dozenten einzelner Hochschulen. Denn seit dem 11. Juni läuft der Umzug. In zwei Monaten werden dann 840 Mitarbeiter an 780 Arbeitsplätzen hier arbeiten.

Und auch den Angestellten ergeht es wie fast jedem, der in die riesige Eingangshalle, das Atrium mit den versetzt verlaufenden, flachen Treppen und dem wuchtigen Kunstwerk in der Mitte, tritt, einem elf Meter hohen und 100 Tonnen schweren Monolith aus Beton: erst Staunen, dann Umschauen, dann Grübeln. Wo geht’s zum eigenen Büro?

«Gestern habe ich eine Frau angetroffen, die herumgeirrt ist. Sie hat ihren Arbeitsplatz nicht gefunden. Ich habe sie wie ein Blindenhund in ihr Büro geführt», erzählt Stalder. Dabei hat sich die FHNW Gedanken gemacht: Jeder Raum bekam nicht nur Stock und Nummer, sondern auch eine Himmelsrichtung zugeteilt. 11.N.25 ist Zimmer Nummer 25 im elften Stock auf der Nordseite. In riesigen, in den Sichtbeton eingegossenen Lettern sind die Himmelsrichtungen im Erdgeschoss angeschrieben, jeweils drei Personenlifte hat es pro Seite. Auch auf jedem Stock ist gross ein N, O, S oder W eingraviert. «Ohne die Himmelsrichtungen ginge es schlicht nicht», sagt Stalder. Gewisse Räume seien nur von einer Seite her erreichbar.

Kaltstart mit 3700 Studenten am 17. September 

Das bringt die spezielle Architektur des Baus der «Pool Architekten» aus Zürich mit sich. Der Würfel ist innen ausgehöhlt, um Platz für die Eingangshalle zu bieten, Tageslicht scheint durch die grossen Dachfenster. Die ausladenden Treppen führen aber nur zu den ersten drei Stockwerken. Darüber quert ein Mitteltrakt den Innenraum und teilt ihn in zwei Hälften. Enge Wendeltreppen ergänzen ab da die Lifte. Sollte das immer noch nicht reichen, um in zwei Monaten die Studierenden und Mitarbeitenden an ihr Ziel zu bringen, gibt es noch mehrere Nottreppenhäuser.

«Den optimalen Weg zu finden, ist anfangs für alle eine Herausforderung», sagt Ehrsam. Am ersten Schultag wird die FHNW Pläne verteilen. Zudem werden Guides eingesetzt, die treffend «Bildungslotsen» heissen. Trotzdem: Wenn sich am ersten Tag niemand verirrt, wäre es ein Wunder. «Erst am 17. September werden wir sehen, wie der Betrieb mit 3700 Studierenden und 800 Mitarbeitenden läuft, erst dann erkennen wir allfällige Flaschenhälse oder Probleme, die auch vom individuellen Verhalten abhängig sind. Das können wir nicht testen», sagt Ehrsam. Die Hoffnung der Planer ist, dass die zwölf Lifte, die jeder für sich eher klein sind, grösstenteils nur für Fahrten in die oberen Stockwerke gebraucht werden und kleinere Distanzen sowie Abstiege zu Fuss zurückgelegt werden. Vom Erdgeschoss aber bis in den zwölften Stock zu laufen, empfehlen Ehrsam und Stalder nur geübten Bergsteigern.

Im fünften Stock schwitzen sie

Was nächste Woche auf Herz und Nieren getestet wird, sind die technischen Anlagen. Zwei Tage lang werden die Lifte, die Beleuchtung, die Lüftung, die Rollläden überprüft. Und das ist auch nötig, wie Stalder erzählt: «Zurzeit schliessen die Rollläden im fünften Stock auf der Ostseite nicht und auch die Lüftung spinnt immer wieder. Da schwitzen also gerade einige.»
Der fünfte Stock, das sind die Life Sciences. Die Hochschule (HLS) belegt auch den vierten und sechsten Stock, die Labors sind bereits eingerichtet. «Ich musste die Euphorie meiner Leute fast bremsen, alle wollen endlich hier arbeiten», sagt Erik Schkommodau. Der Leiter des Instituts für Medizintechnik und Medizininformatik hofft, dass sein Team im Neubau noch besser zusammenarbeiten kann, weil nicht mehr jeder ein Mikroskop im eigenen Büro hat, sondern es grosse Gemeinschaftslabors gibt. Der Umzug sei – abgesehen von ein paar Projekt-Verzögerungen – gut gelaufen.

Erst Ende Juli wird die Pädagogische Hochschule (PH) komplett umgezogen sein. Sie nimmt den grössten Teil des Neubaus ein. Diesen Umzug zu planen, ist besonders aufwendig, gehören doch 15 der 22 alten Schulstandorte, die im Campus Muttenz zusammengezogen werden, zur PH. Seit dieser Woche da sind Sandra Widmer Beierlein und Leticia Venâncio. Sie zogen mit dem Institut für spezielle Pädagogik von der Basler Heuwaage nach Muttenz in den neunten Stock. «Wir sind schon ein bisschen stolz, bereits hier zu sein. Der Neubau ist beeindruckend», sagt Widmer.

Jeder kann das Hausbier «Molekühles» trinken

Laut dem von Stalder penibel genau geplanten Umzugszeitplan wird am 17. August, genau einen Monat vor Semesterbeginn, mit der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik die letzte Schule ihren Umzug abschliessen. Doch der Campus bietet mehr als Hörsäle, Seminarräume, Büros und Werkstätten. «Wir wollen kein Elfenbeinturm sein», sagt Ehrsam. Deshalb ist ein Teil des Gebäudes ab Semesterstart auch öffentlich zugänglich. Jeder kann durch den Park mit Spielplatz flanieren, die Bibliothek nutzen, im Restaurant essen oder sich ein «Molekühles», das Hausbier der HLS, gönnen.

Und nützt dies alles nichts, so lockt auch noch ein Coop im Erdgeschoss die Quartierbevölkerung in die FHNW. Am 11. Mai 2019 wird ausserdem das gesamte Gebäude für einen Tag der offenen Tür geöffnet. Dann kann man auch noch die Lounge im zwölften Stock mit Dachgarten besichtigen oder einen Blick in die Mensa werfen. Die Frage ist höchstens, wie viele Bürger nichts ahnend in die Eingangshalle treten: erst Staunen, dann Umschauen, dann Grübeln ...