Nota Bene

Du bisch mir au Gratisferie!

«Ich wäre froh, ich könnte mich zwei Wochen nur auf die Familie konzentrieren.»

Zwei Bier und ein Gin Tonic? Alles klar! Vier Gummibärli und ein Mojito? Kommt sofort! Drinksmixen musste zackzack gehen an der Kuppel-Bar. Die Partypeople am Donnerstagabend waren trinkfreudig. Während sechs Stunden gab es kaum fünf Minuten Pause. Und waren um vier Uhr morgens die «Bitte nur no ei Bier!»-Gäste auch weg, hiess es aufräumen und putzen bis um halb sechs. Zu Hause angekommen: erst mal duschen, Dreck wegspülen. Dann drei Stunden ins Bett und um zehn Uhr an die Uni in die Anatomievorlesung. Alles easy? Im Gegenteil! Der Bar-Job verfolgte mich bis in meine Träume. Im Schlaf musste ich die Leute weiter bedienen. Natürlich waren sie noch anstrengender als im echten Leben. Im Hörsaal döste ich weg, spürte am eigenen Leib, wie die Anatomie des Körpers funktioniert.

Dass man Emotionen und Schlafmangel nicht ignorieren kann, merkte ich auch nach der Geburt unseres Sohnes vor zwei Wochen. Am nächsten Tag einfach weiterarbeiten, während sich Frau und Kind im Spital erholen, funktioniert nicht. Immer wieder denke ich an die beiden, obwohl ich eigentlich eine Reportage schreiben sollte. Gleichzeitig fühle ich mich so, als hätte mich ein Lastwagen überrollt.

Was tun, wenn man nicht weiterkommt? Auf Facebook rumtrödeln. Schnell war ich wieder wach. Die SVP will gegen den Entscheid von zwei Wochen Vaterschaftsurlaub das Referendum ergreifen, lese ich. Nationalrätin D. G. aus TG hält nichts von Gratisferien. Du bisch mir au Gratisferie! In den Kommentaren das gleiche Lied: «Soll sich ein Vater auch von den Geburtswehen erholen, oder was?», schreibt einer. Die haben alle keine Ahnung. Als Selbstständiger geniesse ich zwar gewisse Freiheiten. Aber ich wäre froh, ich könnte mich zwei Wochen nur auf die Familie konzentrieren. Die Mutter soll nach der Geburt nicht alles allein machen müssen. Und wie gesagt, wäre da auch die eigene emotionale Verarbeitung.

Wahrscheinlich hat die SVP-Nationalrätin ihr Referendum zusammen mit der schwulenfeindlichen Spielgruppenleiterin aus Lenzburg ausgeheckt. Ein schwules Paar mit Kindern sei «weder normal noch natürlich», soll sie gesagt haben. Zwar krebste sie später zurück. Doch ein schaler Nachgeschmack bleibt. Ein familienfeindlicher Nachgeschmack.

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